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Umwelt / Energie

Holzbau in neuen Dimensionen

Der siebengeschossige Holzbau mit mineralischem Putz auf der Holzfassade fügt sich gut in das Berliner Straßenbild ein.
Bilder: B. Borchert

In einer Baulücke im Berliner Innenstadt-Bezirk Prenzlauer Berg steht Europas erstes Hochhaus aus Holz. Die Idee: gesunden, nachhaltigen und energiesparenden Wohnraum schaffen. In Sachen Brandschutz hat das Projekt Modellcharakter.

Auch wenn es leider von außen nicht mehr sichtbar ist: 85 Prozent des Rohbaumaterials in unserem siebenstöckigen Gebäude sind Holz!?, erzählt Familie Gerber. Im Juni 2008 konnte die vierköpfige Familie in ihr Holzhaus einziehen, das sie zusammen mit sechs weiteren Parteien in einer Baugruppe realisiert hat. "Für uns war von Anfang an klar: wenn wir bauen, dann nur mit Holz! Das ist energetisch sinnvoll und ein regenerativer Baustoff." Diese Einstellung teilen alle in der Baugruppe.

Die Architekten und Holzbau-Spezialisten Kaden und Klingbeil aus Berlin entwarfen eine erste Skizze des Holz-Hochhauses, die von den Bauherren begeistert angenommen. Sie wurden selbst Mitglied der Baugruppe und haben inzwischen ihr Büro im Erdgeschoss des Modellprojekts eingerichtet.

Die Baustelle: jede Woche ein Stockwerk höher

Konstruktion
Das 22 Meter hohe Tragwerk des Wohnhauses ist ein Holzskelett aus Stützen und Riegeln mit einer Stärke von 30 mal 36 Zentimetern. Verbunden sind die Holzbalken durch Knotenpunkte aus Stahlblech, die speziell für diesen Bau entwickelt wurden. Auch die tragenden Außenwände sind aus Massivholz, Brettschichtholz zwischen 16 und 20 Zentimeter stark. Das heißt: Hochkant gestellte, übereinander gestapelte Holzbretter, die mit Holzdübeln verbunden sind und ganz ohne Leim auskommen. Ein Vorteil bei diesem Holzbau war auch die industrielle Vorfertigung. Die Fassaden- und Deckenelemente wurden in einer Zimmerei komplett zusammengebaut und als fertige Wände angeliefert. Das spart Kosten und Zeit. So konnte jede Woche ein neues Stockwerk errichtet werden. In nur acht Wochen stand der regendichte Rohbau!

Ganz puristisch aus Holz ist die Konstruktion dann doch nicht: In der Mitte des Baukörpers gibt es zwei Betonschächte für die haustechnischen Installationen, die auch statisch relevant sind. Außerdem war eine Brandschutzwand zum Nachbargebäude notwendig. Auch bei der Deckenkonstruktion ist Beton im Einsatz. Holz-Beton-Verbunddecken trennen die einzelnen Stockwerke.
Sie spannen sich von der Brandwand über die beiden Betonkerne zum Treppenhausturm und sind durch Stahlbleche mit den Holzriegeln verbunden. Nach unten - also als Zimmerdecke - bleibt das Holz sichtbar und ist mit einem feuerfesten Anstrich versehen.

Speziell gefertigte Stahlteile verbinden die Holzkonstruktion.

Brandschutz
Der Brandschutz spielte bei der Planung eine zentrale Rolle. Holzhäuser dieser Größe sind in der Bauordnung bisher nicht vorgesehen. In Berlin sind Holzkonstruktionen nur bis Gebäudeklasse 4 erlaubt, das heißt der Fußboden des höchsten Geschosses darf maximal 13 Meter hoch sein. Hier waren aber 22 Meter nötig, um das neue Gebäude den angrenzenden Steinbauten anzupassen. Die Architekten haben Brandschutzingenieure und die Genehmigungsbehörden schon früh in die Planung mit einbezogen. So konnten sie die allgemeinen Brandschutzregelungen teilweise verlassen und ein sicheres aber speziell auf die Bauweise abgestimmtes Konzept erarbeiten. Von Anfang an planten die Architekten ein freistehendes Treppenhaus aus Stahlbeton, von dem aus jede Wohnung über einen eigenen Steg erreichbar ist. Ein sicherer Fluchtweg im Brandfall. In den Wohnungen sind außerdem mehrere Rauchmelder installiert. Um den Bau für 60 Minuten feuerfest zu machen, wie es die Brandschutzverordnung vorschreibt, wurden die Holzwände von beiden Seiten in feuerfeste Gipsfaserplatten eingehüllt. Durch die Kombination dieser Maßnahmen ist der Brandschutz des Holzbaus ebenso gewährleistet wie bei einer Massivbauweise. Der Vorteil von Holz: Es brennt berechenbar ab. Die Feuerwehr kann genau vorhersagen, wann das Gebäude einstürzen würde und das Haus rechtzeitig verlassen. Das ist bei herkömmlicher Bauweise nicht der Fall.

Dämmung
Da Holz an sich schon Wärme dämmend ist, wurde nach außen nur eine zehn Zentimeter dicke Dämmschicht aus Mineralwolllamellen aufgebracht. Der jährliche Heizenergiebedarf wird zunächst noch über Fernwärme gedeckt, eine thermische Solaranlage soll die Energiekosten in Zukunft weiter senken. Das freistehende Treppenhaus durchbricht die massive Fassadenfront in der Esmarchstraße. Damit sind an dem modernen Holzbau ? unüblich für ein Stadthaus in Berlin ? drei Fassaden sichtbar. Die Holzständerkonstruktion erlaubt viele Fenster. Im Wechsel mit den Wandflächen entsteht so das charakteristische Schachbrettmuster. Die Stützen und Träger bleiben noch erkennbar, auch wenn der Holzbau durch den mineralischen Putz wie ein Massivbau wirkt. Um doch noch etwas ?rohes Holz? zu zeigen, haben sich die Bauherren für Fensterläden aus Holzlamellen entschieden.

Wärmebrücken wurden vermieden. Die Balkone an der Rückfassade sind am Dach befestigt und hängen vor der Fassade.

Innengestaltung
Die Skelettkonstruktion hat den Vorteil, dass die Architekten auf tragende Innenwände ganz verzichten konnten. So hat jede Partei die Grundrissaufteilung ihrer Wohnung nach eigenem Gusto bestimmt: kinderfreundliche Mehrzimmerwohnung oder großes offenes Loft. Auch bei den Wohnungsgrößen waren die Bauherren flexibel. Der schlanke Baukörper mit einer Grundfläche von 12,5 mal 13,9 Metern bietet pro Stockwerk zwischen 120 und 150 Quadratmeter Wohnraum. Vor den zwei kleineren Wohnungen blieb Platz für Terrassen, die gemeinsam genutzt werden: zum Grillen, Frühstücken oder Relaxen - ganz im Sinne des Gemeinschafts-Bauprojekts.

Öko-Koordinaten

  • U-Wert von Außenwand und Dach: 0,144 W/m²K  Dick
  • Dicke der Außenwand: ca. 33 cm
  • Jahresheizwärmebedarf: 27 kWh/m²a
  • Warmwasserversorgung: bisher Fernwärme, thermische Solaranlage geplant
  • Lüftungssystem: kontrollierte Be- und Entlüftung
  • Kosten pro Quadratmeter: 2.300 Euro/m² für den kompletten Neubau inklusiveGrundstück und Nebenkosten.
  • Jahresprimärenergiebedarf: ca. 30 % unter traditioneller Massivbauweise

Autor: Yvonne Miehlke

Quelle: Bund Jahrbuch 2009 , S. 46-49

Der Artikel steht auch als pdf-Download zur Verfügung:

Weitere Informationen:
Buchbestellung: www.ziel-marketing.de
Architekten Kaden und Klingbeil, Berlin - www.kaden-klingbeil.de
Holzbau: www.merkle-holzbau.de

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