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Beton-Klassiker

Ulrich Müther - Beton-Baumeister wurde 70

Ulrich Müther auf dem Rettungssturm des Ostseebades Binz

Will man das Lebenswerk Ulrich Müthers sehen, muss man sich recken oder auf Weltreise gehen. Die kühnen Konstruktionen des Beton-Baumeisters aus Binz stehen in Libyen, Kuwait oder Finnland. 

Müthers Betonbauten voller Eleganz und Schwung wurden zu einem der wenigen im Westen erfolgreichen Exportartikel der DDR. Pünktlich zu seinem 70. Geburtstag am 21. Juli vereinen sie sich jetzt im Rettungsturm des Ostseebades Binz. 60 Fotos seiner Konstruktionen werden sich an der Decke des von ihm entworfenen Bauwerks reihen: Das Restaurant der "Teepott" in Rostock Warnemünde, das Gebäude "Ahornblatt" in Berlin, die erste ohne Einschalung erbaute Rennschlittenbahn der Welt in Oberhof, das Kulturzentrum Tripolis in Libyen oder das Planetarium in Helsinki - eine Müther-Welt.

Mit dem uniformierten DDR-Plattenbau hatte der Bauingenieur nicht viel am Hut. "Das hat mich wenig interessiert", sagt er. Aber zwischen der "Platte senkrecht" und der "Platte waagerecht" liegt das typisch Müthersche: die gewölbte Schale. Alles sei eine Frage der Mathematik, der Berechnung, sagt Müther. 

1963 diplomierte er mit einer mathematisch komplizierten Arbeit zur Berechnung der hyperbolischen Paraboloide. Die Formeln waren das Fundament für die extravaganten Hyparschalenkonstruktionen, die bis heute nichts von ihrer Stabilität eingebüßt haben. Sich selbst sieht Müther als Baumeister - ein berufliches Zwischending zwischen Bauingenieur und Architekt.

"Teepott in Warmemünde"

Müthers Lebenswerk ist von Fachkollegen auf der ganzen Welt gerühmt worden. In dem 2003 erschienen Band "Federgewichte" wird der Mann von der Insel Rügen als einer der weltweit fünf Pioniere des Schalenbetonbaus gewürdigt. Im Nachwende-Deutschland war der Umgang mit seinen Bauwerken durchaus dreist. Einem Teil seiner Konstruktionen, Großgaststätten, Schwimmbäder, Tagungszentren, Messehallen oder Cafés ging nach 1989 ihre ursprüngliche Nutzung verloren. Wo es gelang, wie im Warnemünder "Teepott", alte Formen mit neuen Inhalten zu füllen, erstrahlen Müthers Bauwerke in alter, neuer Eleganz.

Das "Inselparadies" in Baabe oder die "Ostseeperle" in Glowe sind dagegen noch immer der Verwahrlosung freigegeben und warten auf ihre Erweckung. "Das macht dem Beton nicht so viel aus", urteilt Müther relativ gelassen über den jahrelangen Leerstand. Viel schmerzhafter sei für ihn, wenn aus Ignoranz Tatsachen geschaffen werden und der Abriss folgt. So geschehen beim "Ahornblatt" in Berlin oder Müthers Diplomarbeit, einem Speisesaal in Binz, der 1964 als erste Konstruktion dieser Art gebaut wurde.

Seine Karriere begann in Rostock. Für die Ostsee-Messe Rostock entwarf und baute er 1966 die Messehalle für Bauwesen und Erdöl - eine Referenz, der weitere Aufträge erst in der DDR, dann im Ausland folgten. Müther, parteilos, wurde in den Arbeitsausschuss Schalentragwerke der Kammer der Technik der DDR berufen. Damit war eine Mitarbeit in der IASS (International Association for Shell and Spatial Structures) möglich. Mit der Wende allerdings hielt sein Unternehmen, die Müther GmbH Spezialbetonbau, dem Druck in der Baubranche nicht stand und ging in Insolvenz.

Doch Müther geht der Beton nicht aus dem Kopf. Heute betreibt der Bauingenieur ein Planungsbüro und entwirft weiterhin Hyparschalen, Kuppeln oder Spritzbetonkonstruktionen. "Beton ist der einzige Baustoff, mit dem man jede erdenkliche Form gestalten kann", schwärmt er. Vor kurzem traf eine Anfrage aus Süddeutschland für die Planung einer Badelandschaft ein. Zudem gilt Müther bei angehenden Bauingenieuren und Architekten als "Legende". Studenten von Technischen Hochschulen belegen Workshops bei ihm. 

Textnachweis: n-tv

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