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Parasitäre BautenSie werden auf Wirtsgebäude gesetzt, nutzen deren Wasser- und Stromanschluss. Dabei beleben sie öde Dachflächen. Diese parasitären Gebäude entstehen spontan und illegal, sind Gegenstand visionärer Nachverdichtungskonzepte oder Ausdruck gelebter Individualität. Doch manche dieser Parasiten sind auch konventionell geplante und praktische Erweiterungsbauten.
![]() Auf den Dächern Kairos:
Drei parasitäre Stockwerke fußen auf fünf Etagen Wirtsgebäude Bild: A. Lehmann Mit Beginn des Jahrtausends tauchte der Begriff parasitäre Architektur auf. Damals flanschte das niederländische Architekten-Duo Kortenknie & Stuhlmacher ein grellgrünes 85-Quadratmeter-Häuschen aus Massivholz-Platten an den Fahrstuhlschacht eines heruntergekommenen Warenhauses in Rotterdam. Dagegen herrscht auf Kairos Dächern schon seit Jahrzehnten Wildwuchs. In luftiger Höhe ist aus einzelnen aufgesattelten Hausmeisterwohnungen ein Schattenreich über der eigentlichen Stadt entstanden. Ökologisch vorbildlich kommen parasitäre Bauten ohne einen Quadratmeter zusätzlicher Bodenversiegelung aus. Sie beanspruchen also horizontal keine Fläche, die nicht vorher schon vom Naturkreislauf abgekoppelt war. Allein vertikal verdrängt parasitäre Architektur freien Raum. Nicht nur die Gebäude an sich geben sich derart anspruchslos, für die Parasiten muss auch keine flächenbeanspruchende Infrastruktur gebaut werden. Zufahrten, Gehwege und Leitungen für die Energie-, Wasser-, Abwasser- und Informationsversorgung waren bereits zur Erschließung des Wirts erforderlich. Das parasitäre Konzept schlägt sich auch in der Bauweise nieder: Leichtbauweise ist angesagt, weil das Gewicht des Parasits die statische Tragfähigkeit des Wirts nicht übersteigen darf. Meistwird der nachwachsende Rohstoff Holz verwendet, was einen weiteren ökologischen Pluspunkt bringt. ![]() Luxus-Parasitismus: Auf den Dächern Wiens lässt es sich bestens nachverdichten, ohne die grüne Lunge der Stadt anzutasten. Bauherrin: Theaterservice GesmbH / Bild: A. Blau ![]() Die Elbphilhamonie: architektonischer Parasitismus in seiner schönsten Form. Geplant von den Architekten, die das Vogelnest
genannte Olympiastadion in Peking entworfen
haben. / Bild: Herzog & de Meuron Die Nachverdichtung auf dem Dach hat angesichts wieder zunehmender Urbanisierung großes Zukunftspotenzial; die Idee allerdings ist nicht ganz neu: Der 1546 mit dem Bau des Louvre beauftragte Pierre Lescot soll es gewesen sein, der es verstand, zusätzlichen Wohnraum auf Pariser Dächern zu schaffen ohne regelrecht aufzustocken. Um Steuern zu sparen, erfand Lescot eine Bauweise mit leicht nach innen geneigten Wänden über die sich dann die Blechverkleidung des Daches spannte. Damit blieb für die Pariser die Zahl der Stockwerke offiziell unverändert und die Erweiterung blieb steuerneutral. Diese Art des Bauens machte hundert Jahre später ein Monsieur Mansart unter der Bezeichnung Mansarde populär. Heute hat der Begriff eine Erweiterung erfahren und bezieht sich allgemein auf ein Zimmer oder eine Wohnung in einem ausgebauten Dachgeschoss. Zu Mansarts Zeiten waren die Mansarden in den europäischen Großstädten das, was heute die parasitischen Aufbauten auf Kairos Dächern sind: einfachster Wohnraum für einfache Leute, mitunter auch für das Gesinde, aber auch Ateliers mit idealen Lichtverhältnissen für Künstler. Gegenwärtig zählen Mansarden bei "trendigen" Städtern zum begehrtesten Wohnraum überhaupt. Ein viel beachtetes Beispiel für diese Art parasitärer Architektur sind die modernen Dachaufbauten in der Goethegasse in Wien. Der Architekt Christian Koblinger realisierte mit fünf verglasten Kuppeln über 500 Quadratmeter begehrten Wohnraum in zwei- bis dreigeschossigen Wohnungen. Der Verkaufserfolg führte zu einem Boom des parasitären Wohnens in Wien und zu einer toleranteren Genehmigungspraxis. Das Beispiel zeigt, parasitäre Bauten sind nicht wirklich parasitär. Schließlich haben Dachaufbauten nicht das Ziel, ihrem Wirt soviel Lebenssaft abzuzapfen, dass der gerade noch überleben kann und sich nur der Parasit prächtig entwickelt. Eigentlich handelt es sich bei der parasitären Architektur eher um eine Symbiose. Gewinnt doch der Wirt häufig an Attraktivität, ohne sich einschränken zu müssen. ![]() Die Wiese im Vordergrund hatte Glück. Durch die parasitäre Aufstockung der Schule entging sie wohl der Versiegelung. Für die Schule kam die Aufstockung einer Schönheitsoperation gleich. Bild: P. Ott So auch in Stainach, im zwischen Salzburg und St. Pölten gelegenen Ennstal. Sei es nun ein Zubau, Umbau, eine Aufstockung oder eben ein parasitischer Bau, die Erweiterung des Stainacher Realgymnasiums gilt als sehr gelungen. Der typische Siebziger-Jahre-Bau gibt sich nun mit Parasit deutlich ansehnlicher. Dank Holzbauweise war keine Verstärkung des Betonbaus notwendig, um zusätzliche 1.200 Quadratmeter Nutzfläche zu gewinnen. Durch die Verkleidung des Aufsitzers mit hölzernen Lamellen zum Witterungs- und Sonnenschutz fügt sich der vergrößerte Schulbau nun weit harmonischer in die Gebirgswelt ein als zuvor. Von der Schule geht nun nicht mehr die Wucht des Betons aus. Vielmehr vermittelt das Erweiterungsgeschoss den Eindruck einer schwebenden Schatulle. Zum Teil ragt sie sogar seitlich über das Wirtsdach hinaus. Die Erbauer der Elbphilharmonie in Hamburg setzen dem parasitären Prinzip die Krone auf. Auf einen ehemaligen Kakaospeicher wird neben zwei kleinen Sälen ein großer Konzertsaal für über 2.000 Besucher aufgesattelt. Darüber hinaus sind ein Hotel mit 250 Zimmern und 43 Eigentumswohnungen vorgesehen. Allerdings wird in Hamburg auch in den Wirt eingegriffen: Wo einst Kakao lagerte, werden zukünftig Autos geparkt und zahlreiche Nebenräume erstellt. Die Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron setzen mit dem gläsernen Aufbau in geschwungener Wellenform spektakuläre Akzente. Beim Berliner Werner Aisslinger geht das parasitäre Prinzip in Serienfertigung. Seine "Loftcubes" sind für 99.000 Euro zu haben. Die helikoptertransportablen Küche-Bad-Schlaf-Wohnzimmer-Würfel in Stahl-Holz-Glas-Konstruktion zeigen sich im Retrodesign der siebziger Jahre. Dort, wo Hubschrauber als Transporter nicht erlaubt sind, wird das zerlegbare System am Boden zusammengebaut und per Kran aufs Dach gehievt. Trotz Aufsehen erregender Beispiele führen parasitäre Bauten in Deutschland ein Außenseiterdasein. Nicht zuletzt behindert ein restriktives Baurecht die Nachverdichtung auf den innerstädtischen Dächern. Deshalb braucht diese Art ökologisch verträglichen Bauens zahlungskräftige und zielstrebige Trendsetter, die ein Umdenken bewirken können und das Bauen auf der Grünen Wiese alt aussehen lassen. Autor: Andreas Lehmann Quelle: BUND-Jahrbuch "Ökologisch Bauen & Renovieren" 2010, S. 12-15 Der Artikel steht als pdf-Download zur Verfügung. Weitere Informationen: |